Versus: von 1n0ut (Robert Praxmarer/Reinhold Bidner, AT)

In einer Breakdance Battle Performance Mensch gegen Maschine werden künstlerische und wissenschaftliche Positionen im Bereich Digital Performance und Artificial Life erörtert. Ein realer Performer tritt gegen seinen virtuellen Counterpart an, beide lernen und adaptieren. Ein performatives Experiment, das Grenzen, Möglichkeiten, Risken und Chancen im ewigen Kampf zwischen Mensch und Maschine auslotet. Das Konzept VERSUS ist Preisträger der Ausschreibung Podium09 des Landes Salzburg.
Eine installative Testversion namens „MOVE“, mit der wir Bewegungsdaten von Besuchern und TänzerInnen gesammelt und Bewegungsmuster recherchiert haben, wurde im November 09 beim Tanzhouse Festival Salzburg in der ARGEkultur gezeigt:

 

Der Mensch träumte oftmals davon eine Maschine zu erschaffen, die ihn in seinen Fähigkeiten übertreffe. Mit dem Computer wurde das in vielen Bereichen Wirklichkeit. Der amtierende Schachweltmeister kommt nicht mehr aus Russland, sondern aus dem Silicon Valley. Dennoch gibt es viele Dinge, die Computer nicht, oder noch nicht besser können, Tanzen gehört wohl definitiv dazu. Nichts desto trotz ist es unsere Idee, menschliche Performer in Form von Break Dance Choreographien gegen einen Computer antreten zu lassen.
Im Breakdance ist es seit Jahren üblich, sich zu 'battlen', das bedeutet, gegeneinander anzutreten, um sich zu messen, und um sich dadurch weiterzuentwickeln bzw. an seine Grenzen zu gehen. Die Frage die sich uns stellte war, was passiert wenn dieser Gegner ein Computer ist, der uns Schritt für Schritt kopiert und dabei lernt diese Muster neu zu verarbeiten um uns als Mensch näher zu kommen bzw. uns zu überbieten. Wie kann ein solcher Kampf aussehen, wie wird er wohl enden, und was lernen wir daraus?
Dieses Projekt soll modernen Tanz, Philosophie, Subkultur und Mainstream verschmelzen lassen. Wie schon in unserem Projekt CPU (Gewinnerprojekt des Salzburger Medienkunstpreises), wollen wir innerhalb von realen und virtuellen Räumen arbeiten und an die Grenzen des zur Zeit machbaren in der interaktiven Computerperformancekunst gehen.

Was bedeutet es, mit einem teils autonomen virtuellen Charakter zu interagieren bzw. zu improvisieren. Machen solche Ansätze den menschlichen Performer obsolet, oder entstehen an diesem Punkt neue Formen von Kunst? Was bedeutet es, seine eigenen Muster (Mimik, Bewegungen) wie in einem Zerrspiegel zurückgeworfen zu bekommen. Die Bewegungen ähneln sich und andererseits doch nicht, da sie neu zusammengesetzt werden, was passiert an dieser Schnittstelle, kann ein Algorithmus Kreativität vortäuschen, in dem er menschliche Muster in kleinste Teile schneidet und diese zur Musik wieder neu synthetisiert. In der Musikindustrie und auch der Bildenden Kunst ist Sampling nicht mehr wegzudenken, d.h. aus kleinen kreativen Versatzstücken (Melodien, Textzeilen, Bildausschnitten) wieder etwas neues zusammenzusetzen (Prinzip der Collage), im Tanz oder Theater gibt es solche Ansätze weniger, geschweige denn, daß die Entscheidung über das Collagieren einem Computer überlassen wird.

Die Idee, ein Konzept zu erarbeiten, das Break Dance mit Medienkunst verbindet, ist auf natürlichem Wege gewachsen. Einerseits durch das Experimentieren mit unserer Software (Live-Video -scratching und -sampling), andererseits durch den Umstand, dass wir uns seit jeher darüber Gedanken machen, wie man Spontaneität und "Seele" in die Computerkunst übertragen kann, was unserer Ansicht nach am besten unter der Miteinbeziehung von menschlichen Darstellern, menschlichen Bewegungen und im Rahmen von Live-Performances funktioniert. Und gerade auch bei Breakdance Performances geht es um Live-Energien und den Umstand, den Körper als Medium des Ausdrucks und als kreatives Instrument einzusetzen, das man durch Training und Hingabe in seinem kreativen Potential erweitern kann.

Im Rahmen unserer Recherchen haben wir darüberhinaus entdeckt, dass die beiden Disziplinen (Urban Dance und Computerkunst) gar nicht immer so weit von einander entfernt sind: Einerseits geht es auch uns (mit unseren Möglichkeiten) um die rhythmische Übereinstimmung zur Musik, andererseits haben sich Beweguns-Merkmale des Urban Dance immer wieder aufgrund von Einflüssen aus Robotik, Animation, Film und Computerkunst heraus entwickelt: "Locking" (roboterartige, extrem kontrollierte Bewegungen), "Popping" (stroboskopartige, "ferngesteuerte" Mikropulsationen), und Stop Motion Techniken seien in diesem Zusammenhang kurz erwähnt.
Auch die Wissenschaft versteht seit Norbert Wiener den Menschen mehr und mehr als Automaten und als lebendes System. Kybernetik, Cyborgs und Neurowissenschaften ändern unser Bild vom Menschen fast täglich, wir wollen auf unsere Art und Weise dieses Thema künstlerisch besetzen, kritisch durchleuchten und für uns Antworten finden.